Sonderverein der Orloff- und Zwerg-Orloff-Züchter 1912 e.V.


Historisches


Das russische Nationalhuhn: Herkunft, Geschichte und Einführung der Orloff nach Deutschland

Natürlich liegt der Ursprung der Rasse noch weit vor der Gründung des Sondervereins und damit auch vor einer Zeit in der die täglichen Begebenheiten fein säuberlich dokumentiert wurden. Genau hierin besteht die Schwierigkeit bei der Suche nach den Wurzeln unserer Orloff.

 

In der einschlägigen Fachliteratur ist nur wenig zum geschichtlichen Hintergrund der Hühnerrasse Orloff zu finden. Schon die Herkunft des Rassenamens kann nicht eindeutig geklärt werden. Einige Quellen nennen die ostrussische Stadt Orlow als Namensgeberin. Andere Vermutungen weisen auf den russischen Grafen Alexei Orlow-Tschesmenksy hin, den Erzüchter der berühmten Orlow-Traber, der Ende des 18. Jahrhunderts diese Pferderasse schuf.

 

Um in die Geschichte und Herkunft der Orloff ein wenig Licht zu bringen, müssen wir in die Zeit zurückgehen; noch vor die Einführung der Rasse durch Dr. Ranft im Jahre 1910. Die ersten Tiere kamen 1884 über Moskau aus dem damaligen Zarenreich Russland nach Deutschland und im gleichen Jahr auch nach Österreich. Die Importeure waren Professor Friedrich Zürn (1835–1900) aus Leipzig und Baron Villa-Secca (siehe Abbildung) aus Wien. Aus welchem Teil Russlands die Tiere stammten ist nicht überliefert, wohl aber die Farbe der ersten Tiere. Der Stamm (1,2), den Prof. Zürn erhielt, wurde mit rot-braun angegeben (vermutlich mahagonifarbige Tiere), während der Stamm des Barons Villa-Secca aus verschiedenfarbigen Tieren bestand (entweder rotbunte oder jedes der Tiere hatte eine andere Farbe).

 

Um der Frage nach der Entstehung der Orloff auf den Grund zu gehen, können wir uns leider nur auf eine Quelle aus dem Jahr 1929 stützen. Hier schrieb ein russischer Autor in einer Fachzeitschrift (da der Artikel mit den Buchstaben "A.O." unterzeichnet war, ist anzunehmen, dass der Autor Alexis Ossipoff war, ein zu der damaligen Zeit ausgewiesener Kenner der russischen Geflügelzucht):


Dank der Liebenswürdigkeit des Herrn Rudolf Barth, Vorsitzender der Vereinigung der Züchter russischer Orloffs, bin ich im Besitz der deutschen Musterbeschreibung dieser Rasse. Ich erlaube mir, zu dieser Musterbeschreibung ein paar Aufklärungen zu machen.


Im Laufe der Jahre 1737–1741 wurden zu uns (Anm.: nach Russland) aus Persien hochbeinige Hühner mit gelben Beinen und Schnäbeln mehrmals eingeführt. Sie stammten aus der Provinz Gilan. Sie erhielten den Namen „Gilanskie“ oder „Gilanki“. Der Beschreibung damaliger Autoren nach waren diese Hühner bartlos und trugen verschiedenfarbige Befiederung.


Eine Rasse ähnlich den Orloffs existierte damals in Russland nicht. Doch existierte ein einheimisches Huhn, ziemlich stark im Innern Russlands verbreitet, das einen dicken Bart trug und ziemlich kurzbeinig war. Das Huhn hieß „Uschanka“ – im Plural „Uschanki“. Die Ahnen dieses Huhnes sind auch heute noch in Klein-Russland (Ukraine) vertreten. Dass die Orloffs ihre Entstehung der Kreuzung der Uschanki mit Gilanki verdanken, unterliegt meiner Meinung nach keinem Zweifel.


Wer aber die Orloff geschaffen hat, das weiß man nicht. Wir wissen nur, dass in den Jahren 1860–1880 diese Rasse, die Orloffs, als eine selbstständige Rasse existierte, ihre Rassemerkmale treu vererbte und damals als eine ausgezeichnete Wirtschaftsrasse von Autoritäten gepriesen wurde.


Es bleibt vieles im Dunkel, was die Entstehung unserer Orloff anbetrifft. Auch warum sie so schnell nach Ersteinführung wieder verschwanden - erst die erneute Einfuhr durch den Pfarrer Dr. Ranft am 1. September 1910 war von Erfolg gekrönt und sollte die Rassenvielfalt in Deutschland fortan bereichern.


Wichtige und einflussreiche Persönlichkeiten ebneten den Weg für den Bekanntheitsgrad und die Verbreitung der Orloff. Der Fachschriftsteller Prof. Dürigen bereiste mehrfach Russland und sah dort bereits 1886 die ersten Orloff. In den Jahren 1909 und 1910 berichtet er von feinen Sammlungen dieser Rasse auf den Schauen in Moskau – dort wurden in jenen Jahren 43 bzw. 38 Stämme gezeigt, was den Beliebtheitsgrad der Orloff zu dieser Zeit widerspiegelte. Er lud russische Züchter dazu ein, ihre Tiere in Berlin zur Cypria-Ausstellung zu senden, was 1912 dazu führte, dass sieben Tiere russischer Züchter bei dieser Schau zu bewundern waren.


Auch Dr. Trübenbach unterstützte die Verbreitung der Rasse und die findige Idee von Dr. Ranft ein Preisrätsel zu veranstalten, mit dem Preis von einem Dutzend Orloff-Bruteiern für den Einsender der richtigen Lösung. Das Preisrätsel erschien in der Geflügel Börse und Dr. Trübenbach nahm die Verlosung der zahlenmäßig beschränkten Freidutzend vor. Die Meisten, die leer ausgingen, bestellten dann Bruteier und so wurde mit dieser Maßnahme eine starke Nachfrage nach Orloff erzeugt und die Rasse schnell bekannt gemacht.


Diese und andere Umstände jener Zeit begünstigten die Verbreitung der Orloff, so dass sie trotz des dann folgenden 1. Weltkrieges ihren Platz unter den Hühnerrassen in Deutschland behaupten konnten.

 

Text: U. Wipfler